
Die Frau als Mensch - SchamaninnenAktuell für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 nominiert!
Ein tolles Projekt hat die Comickünstlerin Ulli Lust vor einigen Jahren begonnen. Sie erzählt zeichnerisch die Geschichte der Menschheit, und zwar mit Fokus auf der Geschichte der Frauen. Nachdem Band 1 mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2025 ausgezeichnet wurde, ist jetzt der zweite Band dieser Graphic Novel bei Reprodukt erschienen. "Schamaninnen" stehen hier im Mittelpunkt. War die berühmte "Venus von Willendorf" wirklich die Figur einer Göttin oder vielleicht das Werkzeug einer Schamanin? Welche Rolle nahmen die Frauen in den Urgesellschaften ein, die der weisen Schamanin gehörte sicherlich dazu.
Eine höchst spannende und den Blick erweiternde Fortsetzung von Uli Lusts Erfoschung der "Frau als Mensch".
Ulli Lust, Die Frau als Mensch. Schamaninnen
Reprodukt, 978-3-95640-494-8 , HC 29 €


Einstein im BadeDer beschauliche Kurort Bad Nauheim war im Sommer 1920 Schauplatz eines großen Ereignisses. Insgesamt 2500 Naturwissenschaftler verschiedener Disziplinen kamen dort zur "86. Versammlung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte" zusammen. Es waren diverse Nobelpreisträger anwesend, allerdings stand Albert Einstein, der seinen Nobelpreis erst später erhielt, mit seiner spektakulären Relativitätstheorie deutlich im Mittelpunkt des Interesses und der Auseinandersetzungen.
Daniel Mellem, selbst studierter Physiker, lässt nun die Ereignisse dieser turbulenten Woche im September 1920 aus dem Munde des Hoteldirektors Kleeberger Revue passieren. Unter dem Dach seines Hauses "Zum Rastenden Kranich" logieren u.a. Max Planck, Albert Einstein und dessen ärgster Widersacher, der Heidelberger Physiker Philip Lenard. Kleeberger fasst den Plan, die Fehde der beiden berühmten Gäste durch eine von ihm moderierte Aussprache unter vier Augen beizulegen. Ein löblicher Plan, an dem er sich allerdings schwer verhebt.
Ein höchst eleganter und auf kluge Art unterhaltsamer Roman.
Daniel Mellem, Einstein im Bade
Kein & Aber, 978-3-0369-5087-7, HC 26,00 €


Der amerikanische WeckrufDieser Weckruf ist nicht nur laut und deutlich, sondern vor allen Dingen präzise und rundum kenntnisreich auf 200 Seiten formuliert.
Clüver Ashbrook ist eine profunde Kennerin der USA und deren politischer Akteure. Sie listet genau auf, in welchen Bereichen und mit welchem Tempo die MAGA-Fraktion mit Donald Trump an ihrer Spitze die US-amerikanische Politik, Wirtschaft und die gesamte Gesellschaft fundamental umbaut. Bildung, Sozialsysteme, Justiz, Finanz- und Steuerwesen und auch das allgemeine Wahlrecht sind aktuell mehr als bedroht. Nicht nur die USA selbst, auch der Rest der Welt sieht betroffen zu, wie die älteste Demokratie der Welt zu ihrem 250sten Geburtstag ins Wanken gebracht wird.
Cathryn Clüver Ashbrook, Der amerikanische Weckruf
Brandstätter, 978-3-7106-0932-9 , 22 €


Richtig gutes EssenWer wüsste es nicht zu schätzen, richtig gutes Essen?
Da wäre zum Beispiel Nitani, der Protagonist dieser Geschichte. Er ist Teil einer durchschnittlichen japanischen Bürogemeinschaft und findet, dass Instantsuppen vollkommen ausreichen für seine Ernährung. Das darf er allerdings keinesfalls laut sagen, denn damit würde er sich die Missachtung fast aller seiner Kolleginnen und Kollegen zuziehen und sofort zum Außenseiter machen. Vor allem seine Mitarbeiterin Ashikawa, mit der er sich ein privates Zusammenleben durchaus vorstellen kann, missioniert ihn und den Rest der Belegschhaft mit immer tolleren Koch- und Backkreationen, die sie im Büro verteilt. Zum Glück gibt es auch noch Oshio, die Kollegin, mit der Nitani manchmal nach der Arbeit einfach mal ein Bier trinken geht und die einen ganz anderen Blick auf die Dinge hat.
Ein sehr wohltuendes Gegenstück zur um sich greifenden "Healing Fiction" aus Fernost.
Junko Takase, Richtig gutes Essen
DuMont, 978-3-7558-0085-9, 23 €


Das Geschenk des MeeresDass dieser Titel (im Original "The Fisherman´s Gift") ins Mare-Buchprogramm gehört, ist ja klar. Und es ist nicht nur die Verheißung des Titels, die diesen Roman zu einem würdigen Kandidaten im erlesenen Mare-Programm macht. Vielmehr entpuppt sich dieser Debütroman der britischen Autorin Julia R. Kelly als wunderbarer Schmöker und entführt uns in einen kleinen Fischerort an der schottischen Küste im Winter des Jahres 1900. Dort bleiben zu dieser vergangenen Zeit die Bewohner unter sich. Für Reisen sind weder Zeit noch Geld vorhanden und Touristen gibt es auch keine. Einzig die Lehrerin ist vor vielen Jahren aus dem mondänen Edinburgh in den Ort gekommen, wo sie bis auf den heutigen Tag nicht wirklich integriert ist. Dann wird an einem stürmischen Wintertag ein schiffbrüchiger Junge angespült und bringt durch seine bloße Anwesenheit die geregelten Abläufe im Ort durcheinander.
Julia R. Kelly, Das Geschenk des Meeres
Mare, 978-3-86648-748-2, HC 25,00 €


Wir kommen zurechtPhilipp, 17-jähriger Gymnasiast, lebt bei seinem alleinerziehenden Vater Lothar. Der ist Chefarzt in der Chirurgie, stemmt die Welt mühelos finanziell, weiß aber nicht, wie und was er mit seinem Sohn reden soll und versucht gleichzeitig Stella, seine junge Lebensgefährtin bei Laune zu halten. All das klappt nur so semi. Philipp redet allgemein nicht viel, und wenn, dann lieber mit seinem Kumpel Lorenz. Ihr Rückzugsgebiet ist der örtliche Friedhof, wo die beiden ungestört Pizza essen und kiffen können. Das und die Schule sind auch irgendwie nur semi. Und dann ist da noch Astrid, Philipps Mutter, die schon lange weg ist, aber per SMS immer wieder durch Philipps Leben geistert, wobei sie jedes Mal mehr Chaos als Trost verbreitet. Alle zusammen kommen sie irgendwie zurecht. Schließlich steht Philipps achtzehnter Geburtstag an und auch das läuft dann irgendwie aus dem Ruder.
Annika Büsing beherrscht virtuos sämtliche sprachlichen Register für Atmosphären und Gefühlslagen. Grandiose Lektüre!
Annika Büsing, Wir kommen zurecht
Steidl, 978-3-96999-468-9, 24 €


Rendezvous der Träume"Surrealismus und deutsche Romantik" lautet Untertitel und Programm der aktuellen Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle (13.6.- 12.10.25).
Vordergründig scheinen hier zwei sehr verschiedene Welten aufeinanderzutreffen, allerdings stellt sich bei Lektüre des großfromatigen und sehr umfangreichen Katalogs heraus, dass die Surrealisten allesamt sehr bewusst auf Gedanken und Programmatik der deutschen Romantik zurückgriffen und aufbauten. Das gilt sowohl für die Schriften als auch für die bildende Kunst der Epoche. Novalis´ Diktum "Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder." wird hier folgerichtig der Aussage von André Breton gegenübergestellt: "Man gebe sich doch nur Mühe, die Poesie zu praktizieren." Bei der Gegenüberstellung vieler Zeichnungen und Gemälde von Philipp Otto Runge, Caspar David Friedrich und anderen Romantikern mit denen von Max Ernst, Man Ray oder René Magritte wird die Verwandtschaft sofort deutlich.
Ein 344 Seiten starker, mit vielen Abbildungen und Texten versehener Katalog, der über die Ausstellung hinaus wichtig bleiben wird.
Rendezvous der Träume. Surrealismus und deutsche Romantik
Hatje Cantz, 978-3-7757-5968-7, 58,00 €


Das AlibiJuan Pablo Villalobos, mexikanischer Autor mit Wohnsitz in Barcelona schreibt über einen Tag im Leben von Juan Pablo, eines mit Familie in Barcelona lebenden Schriftstellers aus Mexiko. Es beginnt am Frühstückstisch und endet am gleichen Tag abends am gleichen Tisch mit dem gemeinsamen Abendessen der Familie. Dazwischen erlebt Juan Pablo einen ziemlich kafkaesken Tag mit Besuchen in einer Klinik für Gastroenterologie, zwei Friseursalons, einer Buchhandlung und seinem mexikanischen Lieblingsrestaurant. Dabei redet er u.a. mit der Brasilianerin (seiner Ehefrau), der Bretonin (seiner neuen Friseurin), dem Ecuadorianer (einem eifrigen Schreibschüler) und der Uruguayerin (der Verlobten des Ecuadorianers).
Eine höchst welthaltige Gechichte mit höchst vergnüglichen Dialogen und einem höchst rätselhafen Alibi. Höchst unterhalsam!
Juan Pablo Villalobos, Das Alibi
Deutsch von Carsten Regling
Wagenbach, 978-3-8031-1385-6 , TB 20,00 €


JerusalemKaum eine Stadt auf diesem Globus hat eine so bewegte, vielfältige, widersprüchliche, gewaltsame und zugleich heilige Geschichte wie Jerusalem, die sich über vier Jahrtausende erstreckt. All dies erzählen Vincent Lemire (Text) und Christophe Gaultier (Zeichnung) in ihrem über 350 Seiten starken Comicalbum.
Die Erzählstimme ist genial gewählt, wir bekommen die gesamte, höchst wechselhafte Geschichte der Stadt von einem wahrlich imposanten und im wahren Sinne objektiven Chronisten dargeboten, einem vor 4000 Jahren gepflanzten Olivenbaum namens Zaytun, der von seinem Standpunkt auf einem Hügel vor der Stadt deren Geschicke über die Jahrhunderte und Jahrtausende beobachtet.
In eindrucksvollen Episoden und Bildern bekommen wir gleichzeitig Stadt- und Menschheitsgeschichte sehr lebendig und anschaulich geboten. Vor allem aber ist diese Geschichte durchweg politisch und weltanschaulich neutral erzählt.
Lemire/Gaultier, Jerusalem
Geschichte einer Stadt
Jacoby & Stuart, 978-3-96428-240-8, 32,00 €
